Na denn: Meine Meinung zu Klar

Veröffentlicht auf von Sash

Insbesondere mein alter Freund Daniel hat angefragt, ob ich nicht mal wieder was zu aktuellen Vorkommnissen, z.B. der Freilassung von Christian Klar, schreiben könnte. Heute kann ich mal, denn ich habe anderthalb Tage frei :)
Den meisten Lesern wird bekannt sein, dass ich mich selbst als radikalen Linken betrachte, und insofern wird meine Meinung dazu nicht überraschend ausfallen. Irgendwie sehe ich da aber keinen Zusammenhang. Ja, wenn ich in den 70er Jahren gelebt hätte, dann wäre wohl auch ich einer derjenigen gewesen, der der RAF heimlich Sympathie entgegengebracht hätte. Habe ich aber nicht.
Die aktuelle Debatte, die einmal mehr vom von mir ausgiebig gehassten Springer-Blatt Bild ständig neu entfacht wird, hat auch eigentlich nichts damit zu tun. Scheiß auf die RAF, auf alle Erklärungen, politischen Instrumentalisierungen oder dergleichen! Selbst wenn ich behaupte: Klar ist ein Mörder, dessen Motive mal völlig egal sind, dann kann ich die Freilassung nicht verurteilen! Ich kann es einfach nicht. Ich weiss über Klar nicht viel, aber ich kann verraten, dass er mir so aus der Ferne nicht unbedingt sonderlich sympathisch ist. Dabei sollten in meinem Fall all die negativ ausgelegten Dinge, wie z.B. dass er seine kapitalismuskritische Meinung nicht abgelegt hat, eher das Gegenteil bewirken. Aber wie eingangs erwähnt: Es spielt zur aktuellen Thematik keine Rolle!
Christian Klar hat mehr Zeit hinter Gittern verbracht, als ich mir vorstellen kann. Meine bisherige Zeit auf diesem Planeten deckt sich etwa mit der Haftzeit Klars. Bei allem Verständnis für die Gefühle der Opfer kann ich mir kaum ein Verbrechen vorstellen, das eine derartige Bestrafung als zu gering erscheinen lässt. Die Frage nach der verbleibenden Gefährlichkeit Klars wurde offenbar mehrfach "eindeutig" beantwortet, immerhin muss selbst Bild schreiben, dass die Gutachter davon ausgehen, dass er keine "Senioren-RAF" gründen wird. Mal ganz davon abgesehen, dass die RAF bei der heutigen Technik des - Achtung: Böses Wort! - Überwachungsstaates keine Chance mehr hätte - und sich Klars Wissen diesbezüglich dank seiner Haft als rudimentär, oder zumindest defizitär erweisen dürfte, solle er eine derartige Aktion tatsächlich in Betracht ziehen.
All die tapferen Bild-Leser, die ausgerechnet mit der Freilassung Klars "das Ende des Rechtsstaats" herbeischwadronieren, oder auch nur "Zweifel" an ihm aussprechen, würde ich gerne einmal nach 26 Jahren Haft zum selben Thema befragen.
Im Falle Klar wird hier oftmals ein primitives, zumindest bei uns längst überwundenes Prinzip der Justitz ausgegraben, das der "spiegelnden Strafe". Während dahergeredet wird, dass Klar noch viel zu gut wegkommt bei der Geschichte, weil seine Opfer immerhin tot sind, so wird doch gegeißelt, wenn in einigen arabischen Ländern Dieben die Hand abgehackt wird. Aber in Wahrheit ist es genau das, was viele der oft lautstarken Fraktion doch gerne fordern würden: "Todesstrafe für Kinderschänder!", "Mindestens lebenslang (und zwar wörtlich) für Klar" und zumindest "Arsch versohlen" hat so mancher "Krawallo" auch verdient.
Wie so oft in der radikalen Linken, spaltet hier die Gewaltfrage die gesamte Gesellschaft, und ich bin schockiert darüber, wie manch Muttchen, das noch einen Krieg zu erleiden hatte, bereits wieder für die Gewalt plädiert. Vielleicht ist Christian Klar ein Irrläufer. Vielleicht hat er eine bekloppte politische Meinung. Das kann alles sein. Aber wenn man schon der Meinung ist, man solle seine Morde nicht mit Politik rechtfertigen, dann sollte man auch akzeptieren, dass er immer noch eine subversive Meinung hat, und dennoch mit weit über 20 Jahren Knast für seine Verbrechen ausreichend bestraft worden ist.
Die Justiz in Deutschland hat nicht das Ziel zu bestrafen - das sollten sich einige Leute mal vor Augen halten - sondern die Straftäter in die Gesellschaft wieder einzugliedern. Und ich hoffe, ich bin nicht der einzige, der sich fragt, wie das mit mehreren Jahrzehnten Freiheitsentzug funktionieren soll. Was soll das Geunke darüber, dass Klar einen Praktikumsplatz im Berliner Ensemble angeboten bekommen hat - noch dazu mit der Berufung auf irgendein ominöses Recht, dass offenbar Menschen, die eine falsche Entscheidung getroffen haben, zu verbannen hat?
Es ist in meinen Augen extrem asozial, einem wie Klar jetzt auch noch die zweite Chance vermauern zu wollen. Ich möchte ihn nicht bedingungslos als Opfer darstellen, aber wenn ich lese, wie viele Jahre er im Knast saß, dann schiele ich nicht nur auf eine ominöse Zahl. Dann denke ich auch darüber nach, was das bedeutet. 26 Jahre kein Abend mit Kumpels in der Kneipe, keine vernünftige Beziehung, keine Chance sich auszusuchen, wo man neue Freunde kennenlernt. 26 Jahre lang Überwachung bei jedem Schritt, Einschränkungen des Briefgeheimnisses, Ausschluss von allem kulturellen Leben. 26 Jahre lang kein Essen nach eigenem Wunsch, keine Chance sich selbst in irgendeiner Form selbst zu verwirklichen. Ohne selbst einschlägige Erfahrungen gemacht zu haben, ist mir bewusst, dass Gefängnis nicht nur bedeutet, mal auswärts schlafen zu können. Wieviel Hass - und ich erinner daran, dass man genau das Christian Klar vorwirft - muss man besitzen, um zu behaupten, dass so eine Strafe noch zu gut ist?

Veröffentlicht in Politik

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Sash 12/23/2008 04:01

OK, ist vielleicht besser.

Marcus 12/23/2008 02:24

ich könnte zwar jetzt noch paar zeilen dazu schreiben, aber im grunde geht es um den fall "christian klar"....und dazu hab ich nichts zu zusagen. deswegen würd ich vorschlagen, wir beenden das thema

Sash 12/23/2008 02:14

Naja, deine Meinung über die Justiz teile ich nicht. Abschreckung ist im Gegensatz zu einer vernünftigen Erziehung nichts wert. Da muss man doch eigentlich nur auf die Länder verweisen, die zwar die Todesstrafe im Programm haben, aber dennoch ein größeres Kriminalitätsproblem als Deutschland.Das Problem ist doch, dass Egoismus in dieser Gesellschaft Erfolg verspricht. De facto ist es fast schon naheliegend, im Zuge des persönlichen Erfolgsstrebens die Gesetze zu dehnen und irgendwann vielleicht zu überschreiten. Aber um das zu verhindern müsste man einfach zu viel ändern - also bekämpft man lieber die Symptome. Was deine Einstellung zu "autonomen Krawallmachern" angeht: Es ist schon viel beschissenes passiert auf dieser Welt - und das ein oder andere mag auch auf "die Autonomen" zurückzuführen sein, aber glaub mir: Die wenigsten sind irgendwelche Krawalltouristen. Bei all den politischen Krawallen in diesem Land lassen sich Ursache und Wirkung nicht immer so gut zurückverfolgen. Ich mag als suspekte Einzelperson vielleicht nicht glaubwürdig sein - ich habe also nicht die Hoffnung, dass du mir das glaubst - aber ich bin bei einigen Ausschreitungen auf Demos in der Nähe gewesen, und der überwiegende Teil wurde von denen angezettelt, die nachher für ihre gute Deeskalationsstrategie gelobt worden sind. Das soll nicht heißen, dass es nicht auf allen Seiten Idioten gibt und es im Einzelfall auch anders war.Aber natürlich sind auch meine Eindrücke - ebenso wie deine - Einzelerfahrungen, die vielleicht nicht wirklich die Realität wiedergeben, sondern nur einen Teil davon.

Marcus 12/22/2008 23:12

zu antifa, ich bin keiner der alles und jedes gerne pauschalisiert aber festzuhalten bleibt wohl, das bei fast jeder demo unweigerlich autonome krawallmacher auftauchen. und was passieren "kann" (nicht muss) wenn man nicht deren meinung bzw. weltbild entspricht, hat man ja z.b. am 20.09 in köln erlebt. wobei damit auch recht simpel die frage der "pro partei" geklärt sein dürfte, diese ist im übrigen keine regionale partei. zu christian klar:  wie gesagt, ich habe mich mit dem fall nicht beschäftigt, aber der mord an einem menschen ist weder zu entschuldigen noch zu ersetzen. generell finde ich unsere justiz im übrigen viel zu harmlos ( ich möchte hier sicherlich keine guantanamo verhältnisse ), aber wenn man sich die zahl derer anschaut, die schon zum x mal im gefängnis sitzen, sollte man doch irgendwann mal ins grübeln kommen. gleiches gilt vorallem für die jugendkriminalität, wie kann es sein....das personen ( egal welcher nation ) schon x mal aktenkundig bei der polizei sind und jedesmal aufs neue wieder laufen gelassen werden. wie soll man den aus fehlern lernen, wenn einem eh keine konsequenzen drohen?

Sash 12/22/2008 20:33

In den Kategorien "Politik" und auch "Medien" findest du wohl am ehesten meine Meinung zu manchen Themen. Ich nehme an, wir haben da unterschiedliche Ansichten - was ja auch kein Drama ist. Ich kann mich nicht klar in irgendeine Kategorie einordnen - ich weiss nur, dass ich nicht  durch die Gegend renne, und Leuten eine reinhaue, weil sie nicht meine Meinung teilen. Wenn du das befürchtest, kann ich dich beruhigen. Wobei ich mal erwähnen muss, dass das auch keiner der Antifas macht, die ich kenne.Mein Problem mit der Einstellung, jegliche Form von "Radikalität" - was immer das im Einzelnen bedeutet - abzulehnen, möchte ich aber gerne kurz anführen:Diese Ansicht argumentiert aus einem festen Bezugssystem heraus - der heutigen "Mitte", die meiner Meinung nach zu festgefahren ist. Ich verwende die Umschreibung "links" auch nur, weil es am ehesten schnell vermitteln kann, in welche Richtung sich meine Meinung bewegt.Aber kommentier ruhig weiter - ich find Diskussionen in dem Rahmen immer sehr anregend.Zu Klar: Dir fällt das zu sehr ins Gewicht, dass ich schreibe, er war so lange im Knast. Meine Gegenfrage wäre: Was hätte man denn machen sollen? Was geht darüber hinaus? Ich sage auch nicht explizit etwas dagegen, dass er im Gefängnis war - aber warum sollte er nach dem Absitzen der Strafe nicht freikommen? Er wird auch sein Leben lang die Zeit im Gefängnis nicht verdrängen können. Ich halte es lediglich für falsch, jetzt bei einem bestimmten Menschen einen Aufstand zu machen, und (mal wieder) härtere Strafen zu fordern. Vor allem: Wenn man schon allerorten schreibt, man müsse mal die politische Seite ausblenden - warum dann ein Politikum aus der Freilassung machen? Es geht mir um die Verhältnismäßigkeit. Da hat einer Verbrechen begangen, die offenbar eine Menge Leute interessieren. Und deswegen muss man jetzt auf einmal die Justiz anzweifeln, die einem sonst doch ganz gut passt, und auf die man soo stolz ist, weil sie nicht willkürlich ist, weil sie modern ist, weil sie... verstehst du, was ich meine? Dass Klar für deutsche Verhältnisse recht lang einsaß, wird einfach mal ausgeblendet und dann eben damit argumentiert, dass die Angehörigen ja noch länger leiden. nach der Logik lande ich irgendwie immer bei der Todesstrafe, sorry. Und da will ich nicht hin.Mal abgesehen davon: Ob Klar jetzt im Knast sitzt oder irgendwo Praktikant ist, sollte selbst den Angehörigen der Opfer egal sein können - es sei denn, es geht um Rache. Dann aber sollte man auch den Mut haben, das auszusprechen. Aber dann würden vielleicht auch dieser Haltung gegenüber kritische Stimmen auftauchen - ich hab das Gefühl, soweit denken die meisten dabei nicht.PS: Was meinst du eigentlich mit "pro partei"? Fühle mich gerade irgendwie uninformiert...