Ja, was schreibt man, wenn man nach zwei Wochen „Urlaub“ zurückkommt? Aller Wahrscheinlichkeit nach nicht das selbe wie ich.
Ich bin zurück aus dem beschaulichen und in den letzten Wochen gar nicht so unbevölkerten Mecklenburg-Vorpommern.
Ihr alle kennt mich: Ich war natürlich nicht dort, um in der Ostsee zu baden, wenngleich ich diesen Punkt am Samstag (9.6.07) auch noch abgehakt habe. Nein, ich war natürlich wegen des G8-Gipfels
oben, hab mich mit Sophie und Sandra zusammen in Rostock niedergelassen und versucht, mich einzumischen, wo ich es für sinnvoll gehalten habe. Wie der geneigte Leser ebenfalls wissen
wird, war ich natürlich nicht einer der glücklichen Menschen dieses Planeten, die die direkte Chance hatten, einem der acht Staatsoberhäupter mal gepflegt die Meinung zu sagen. Ich war natürlich
nur einer von vielen bei den zahlreichen Protest-Veranstaltungen, die ein Problem damit haben, dass ein paar Leute sich einbilden, die Geschicke der Welt lenken zu können. Dass sie dazu in
eklatanter Weise sowieso nicht in der Lage sind, das protokolliert Jahr für Jahr das Ergebnis dieser Gipfel selbst, da brauche ich eigentlich gar nichts mehr zu sagen.
Das Ganze verknüpft habe ich pseudolinker Hansel auch noch mit richtigem Urlaub, nämlich mit dem Besuch meiner Mutter in Cuxhaven, deren Auto wir dann auch zur Verfügung hatten. Das mag dekadent
erscheinen, der Verlauf der Dinge aber hat gezeigt, dass es sinnig war, ein Auto am Start zu haben und ein bisschen Bequemlichkeit ist ja wohl auch noch erlaubt, oder? So sind wir also bereits am
vorletzten Mai-Tag mit dem Zug in den Norden aufgebrochen, um uns bereits mittags ein wenig in Cuxhaven umschauen zu können. Dazu hat uns Ralf in aller Frühe (so gegen 5:30 Uhr) an den Bahnhof
gefahren, wofür ich mich auch nochmal bedanken möchte. In den folgenden anderthalb Tagen haben wir uns alles sehenswerte in Cux angeschaut, ich bin mit meinen neuen Schuhen schon mal Jan
warmgefahren, und zu allem Überfluss haben wir uns sogar erdreistet, Eis zu essen und Minigolf - pardon: Miniaturgolf natürlich - zu spielen. Aber letztlich haben wir vor allem eines gemacht: Wir
haben uns ein wenig ausgeruht, weil schließlich eine anstrengende Woche vor uns lag.
Bereits am Freitag Abend (1.6.07), bzw. Nachmittag, sind wir zu viert in Rostock aufgetaucht. Der von uns als Pilzsucher verspottete Cop war natürlich die funkende Vorhut, und so hatten wir dann
unsere erste Autodurchsuchung gleich zu Beginn. Wenn wir ehrlich sind, dann haben wir sogar mit mehreren gerechnet, aber das sollte nun wirklich nicht das einzige sein, was uns in den Tagen da
oben überrascht hat.
Die Kontrolle verlief zwar schleppend aber ohne weitere Probleme. Die weiblichen Mitfahrer sahen sich zwar einer interessierten Gruppe Cops gegenüber, wenn es um derzeitige und künftige
Beziehungen geht, aber da standen wir alle weit genug drüber.
Ich kann eigentlich an dieser Stelle schon anmerken, dass die Cops zwar sichtlich bemüht waren, ihr Bestes zu geben, sie es aber leider bis zum Ende des G8-Gipfels nicht geschafft haben, jene
Fächer im Auto zu finden, die ich für den Transport von Waffen verwenden würde, wenn ich etwas schlimmes geplant hätte.
Aber sie fanden unsere präparierten Stadtkarten, auf denen wir Punkte markiert hatten, um uns mal eben schnell zu verabreden, ohne den Mithörern zu verraten, wann und wo. Das
Konzept der Karten war nicht unclever, deren Lage in meinem Rucksack schon eher. Wahrscheinlich mit der Befürchtung, dass die Punkte Anschlagsziele sind, wurde uns präventiv eine Karte
abgenommen. Wir sind de facto aber auch gut ohne sie klargekommen. Wenn ich mir jetzt noch vorstelle, wie eine kleine Sondereinheit der Polizei damit beschäftigt war, herauszufinden, was für ein
sonderbarer Code „Fußnägelschneiden ist Krieg!“ war, dann komme ich kaum umhin, herzhaft zu lachen. Dieser Text stand groß auf der Karte, aber das einzig und alleine aus dem Grund, dass da noch
Platz war, und wir den mit einem schwachsinnigen Zitat füllen wollten...
Die Einfahrt nach Rostock hat uns dann echt fertig gemacht. Man hat am Freitag Abend durchaus gemerkt, dass es sich hierbei um den größten Polizeieinsatz der Bundesrepublik gehandelt hat. Man
konnte in der Stadt keine 50 Meter weit fahren, ohne 5 neue – meist voll besetzte – Wannen zu sehen, und das egal wo man sich befand. Einmal sind wir mit unserem Einmarsch in ein asiatisches
Restaurant wahrscheinlich einer Kontrolle entkommen, ansonsten schienen die aber nur endlose Kreise gefahren zu sein um die Stadt kennenzulernen. Etwas sinnvolleres haben sie nicht getan.
Vielleicht haben sie uns auch nur nicht behelligt, weil wir unauffällige schwarze Klamotten getragen haben.
Damit kann ich zu einem der interessantesten Punkte überhaupt übergehen: Die Demo am Samstag (2.6.07) in Rostock. Bilder von Steinewerfern und knüppelnden Polizisten sind wahrscheinlich um die
ganze Welt gegangen, ich muss also nicht erklären, über was ich nun schreibe.
Die legendären Krawalle am Abend nach / während der Großdemonstration in Rostock mit (verhalten) geschätzten 50.000 Teilnehmern habe ich miterlebt. Ja, ich war da, und das sogar das ein oder
andere mal mehr als ich erwartet hätte.
Ich bin die komplette Demo mitgelaufen, meistens etwas außerhalb des inzwischen so angegriffenen „schwarzen Blocks“ Im Laufe der Demo ergaben sich einige brenzlige Szenen an Filialen der
Ostsee-Sparkasse (die ein paar Scheiben einbüßte), hier passierte dennoch nichts weiteres, was durchaus der Polizei zu verdanken war, da sie es geschafft hatte, ihrer zigtausend Einheiten gut zu
verstecken. Noch um diesen Zeitpunkt herum – als der vordere Teil der Demo vielleicht eine dreiviertel Stunde unterwegs war und der letzte Teil gerade am Starten war – wurden mindestens zwei
Personen aus dem schwarzen Block geworfen, weil sie Steine dabei hatten und offenbar nicht aus der Protest-Szene kamen. Man sollte hierzu erwähnen, dass es eine Menge Rostocker Hools in die Demo
gezogen hat, und dass wahrscheinlich auch Provokateure seitens der Polizei dabei waren. Irgendwann kam dann der schwarze Block auch im Hafen an, und dort warteten schon ein paar Presseleute, die
geflüstert bekommen hatten, dass es hier die tollen Bilder zu sehen gibt.
Naja, die gab es dann letzten Endes auch. Das Ergebnis haben wir wahrscheinlich alle in der Tagesschau gesehen, auf N24 oder sonst wo anders. Zu diesen „schlimmsten Kravallen seit 20 Jahren in
der BRD“, der „Blutschlacht von Rostock“ muss ich aber auch noch mehr sagen.
Am Abend, als wir heimgekehrt waren, haben mich die Nachrichtensender so erschlagen, das glaubt ihr gar nicht. Da war eigentlich kein einziges wahres Wort dabei, aber seltsamerweise hat sich das
in den Tagen danach ein wenig gewandelt. Zunächst wurde zum Beispiel erzählt, dass „ein paar“ Demonstranten im Gegensatz zu den über 300 Cops verletzt wurden. Hat da mal jemand drüber
nachgedacht?
Da kloppen sich zwei Parteien: Die eine mit schwarzen Klamotten und Pflastersteinen, die andere mit Schutzwesten, Protektoren, Stiefeln, Pfefferspray, Tränengas, Schlagstöcken und Helmen – und
Partei 2 hat über dreihundert Verletzte mehr? Die würde ich fristlos kündigen!
Aber so war es natürlich auch gar nicht... ich hab einen kleinen Teil dieser „paar“ Demonstranten gesehen, mit Tränengas im Gesicht, mit Platzwunden am Schädel, und was man sich sonst noch so
einfängt, wenn man sich mit den Grünen anlegt.
Zum Verlauf der Geschichte: Ich hab den Anfang nicht mitbekommen, kann also zur berühmten „fingierten Festnahme“ oder zur beschädigten Wanne nichts sagen. Ich hab nur mitbekommen, dass etwas
abging. Im Übrigen war das eine komische Situation, die man im Fernsehen so gar nicht gesehen hat: Die Demo war ja noch nicht mal ansatzweise im Hafen angekommen. Die Ausschreitungen fanden ja
quasi statt zwischen der Abschlußkundgebung (dem Konzert) und der nachrückenden Demo.
Es war auch nicht so, dass ständig die Hölle auf Erden losgewesen wäre. Stellenweise bin ich zwischen Cops und Block langgestiefelt, ohne dass mir jemand was böses wollte, und das obwohl ich mich
wieder in schickem schwarz unter die Leute getraut habe. Gut, gelegentlich ist das dann schon ein wenig gefährlich geworden, aber ich hab allen Steinen ausweichen können, die mach Idiot von
hinter mir geworfen hat, und auch die Knüppel der Staatsmacht wollten nicht bis zu mir reichen. Die Situation hat sich also mehrmals an diesem schlimmen Abend fast völlig entspannt, nur kamen
dann immer wieder die Cops reingerannt und haben geprügelt. Ich möchte anmerken, dass sie das zu Beginn wirklich getan haben: Sie haben keine einzige Festnahme gemacht – sehr lange Zeit – das war
offenbar nicht der Grund für wiederholtes Eingreifen. Sie sind einfach in ihren ca. 30 Mann starken Trupps losgestürmt, haben die Knüppel geschwungen und auf die Antwort gewartet: Steine
eben.
Die inzwischen berühmte, von Demonstranten gekesselte, Einheit gab es auch, aber die haben sich auch so dämlich verhalten, dass man wirklich nichts mehr für diese Menschen tun konnte.
Die müssen damit leben, dass ihnen der Schädel dröhnt, weil sie Flaschen an den Helm bekommen haben. Dafür haben sie dem besten Schlichter (ein Demo-Organisator?) eine reingehauen, nachdem der es
geschafft hatte, den bösen schwarzen Block zu stoppen. Fairness eben.
Mit den ganzen friedlichen Leuten war das auch so eine Sache. Den ganzen Abend über hieß es immer wieder von Seiten der Demo-Leitung, dass die Polizei sich zurückziehen sollten, dass man das
nicht dulden wolle, etc. Abends hieß es dann, dass der schwarze Block die Demo unterwandert hätte und alleine für die Gewalt verantwortlich sei. Dazu möchte ich als kleiner Sympathisant des Black
Block mal eben anmerken, dass niemand irgendeine Demo unterwandert hat. Von Zivibullen vielleicht mal abgesehen...
Die Leute, die im Block mitlaufen, sind Teil dieses Protestes gewesen – und zwar von Beginn an. Jeder wusste, dass der radikalere Teil des Bündnisses nicht auf Gewalt verzichten würde, und wenn
es nicht so eskaliert wäre am Samstag Abend, dann hätte sich da auch niemand daran gestört. Dass „die Schwarzen“ nämlich ihre Ketten bilden, um die Cops von Festnahmen auch friedlicher
Demo-Teilnehmer abzuhalten, das ist immer wieder gerne gesehen. Die Organisation der Radikalen, z.B. die mobilen Volksküchen etc. werden auch gerne genutzt. Wenn sie bei Blockaden die ersten
sind, werden sie auch gefeiert.
Aber am Samstag sind Steine geflogen. Im Endeffekt ist das nicht mehr Gewalt als sich den Cops entgegenzustellen – aber wen interessiert das? Und wer legt denn bitte genau fest, was „gute Gewalt“
und „schlechte Gewalt“ ist? Ist die von Seiten der Polizei immer die Gute?
Dass ausgerechnet Attac, die ja auch mit illegalen Methoden wie Blockaden arbeiten, meinte, andere verurteilen oder gar ausliefern zu müssen, ist ein wenig traurig. Da haben es kurzfristig
ausgerechnet die Veranstalter der Proteste selbst geschafft, die Bewegung, das Bündnis, was auch immer, zu spalten. Entgegen aller vorherigen Schwüre.
Ich hatte in diesem Zusammenhang eine Idee, die aber leider a) nicht durchführbar ist, und b) sicher nicht gut wäre für die politische Arbeit in diesem Land: Sollen sich doch alle Leute, die sich
dem schwarzen Block zurechnen, einfach mal ein halbes Jahr Pause und Diskussionszeit einlegen. Tauchen halt die Bösen mal nicht auf. Dann fährt hier aber niemand mehr 200 km zum nächsten
Nazikonzert oder Aufmarsch. Dann werden alle Blockaden – ob beim G8, beim Castor oder sonstwo kurzerhand geräumt. Dann stehen Umweltschützer halt alleine in der Fußgängerzone und lassen sich von
Nazis verkloppen. Vielleicht merkt dann mal jemand, dass die schlimmen Steinewerfer schon auch andere Sachen gemacht haben. Dass sie nicht – wie uns die Nachrichten weißmachen wollen – nur
Krawall machen und keine Inhalte transportieren wollen.
Ich bin mir sicher, dass jetzt schon in allen betreffenden Gruppen mehr über den entsprechenden Samstag diskutiert wurde als bei Attac, Greenpeace und Kavala zusammen. Nur weil einer Steine
wirft, heisst das noch lange nicht, dass das unreflektiert passiert. Die, die die Cops auch angreifen haben über ihr Handeln meist mehr nachgedacht als all die Leute, die am ersten Mai zu den
Demos watscheln, weil's ja jeder tut.
Ich bin wirklich ein bisschen enttäuscht über das Heraufbeschwören der einfachsten Klischees, nur weil mal ein Paar Polizisten geweint haben.
Aber gut, der Samstag war ja noch nicht zu Ende. Die brennenden Autos (oder war das nur eines?) haben wir dann gar nicht mehr mitbekommen, da wir uns später noch auf den Weg ins Rostocker Camp
gemacht haben. Hier haben wir erstmals festgestellt, wie nützlich unser Stadtplan ist. Es war alles, aber auch wirklich alles in diese Richtung gesperrt, und so sind wir auf verschnörkelten
Umwegen bei der GeSa (Gefangenensammelstelle) in der Industriestraße gelandet, was wir nicht einmal wussten, den Cops aber irgendwie nicht so geheuer war. Es folgte die zweite Autodurchsuchung,
bei der sich mindestens sieben Beamte und ein Hund zu dämlich angestellt haben, ein wenig aufzupassen. Ach ja, wie eingangs erwähnt: In dieser Dreiviertelstunde haben auch sie die Fächer nicht
gefunden.
Nico hat zunächst noch vermutet, dass die jetzt Mau-Mau mit unseren Persos spielen, weil es ein wenig länger gedauert hat. Dann sind wir gebeten worden, auszusteigen, Durchsuchung etc. Eigentlich
ist an dieser Stelle alles korrekt abgelaufen – ich kann den Cops nicht viele Vorwürfe machen. Der Hund hat im Innern des Wagens mehrmals angeschlagen, was wir uns zwar nicht erklären konnten,
aber irgendwie hatte der Köter wohl ein bisschen zuviel Geltungsdrang. Wie dem auch sei: Gefunden haben sie natürlich nix... als ob wir so dämlich wären und Drogen (oder Sprengstoff?) in einer
Stadt mit uns führen, über der den ganzen Tag zig Hubschrauber kreisen und in der es nachts mehr Cops als Arbeitslose gibt.
Etwas frech war die Beschlagnahmung einer Spraydose aus unserem Auto, da diese noch völlig verschlossen war. Sie wurde einbehalten mit der Begründung, Nico „vor der Begehung von Straftaten zu
bewahren“. Zugegeben: Man kann mit Spraydosen Straftaten begehen, das kann man aber auch mit Warndreiecken, Verbandskästen, einem Auto an und für sich, mit Klamotten, Scheren, Stiften, Benzin,
Handys und Ersatzreifen – um nur ein paar Dinge aufzuzählen, die wir dabei hatten, die uns aber nicht abgenommen wurden.
Werde ich ein bisschen zynisch? Kann sein.
Zum Camp sind wir dann recht problemlos gekommen, und in der Nacht haben wir alle geschlafen wie die Steine. Am nächsten Morgen, als es wieder hell war, haben wir gemerkt, dass die Durchsuchung
von Jan (das Auto meiner Mutter) Spuren hinterlassen hat, die man tolerieren kann, aber nicht muss. Wir sind also zu einer Polizeistation gegurkt und haben dort Anzeige erstattet. Ist im Übrigen
das erste Mal, dass ich so etwas getan habe, aber anders ist den Herren in Grün ja nun wirklich nicht an den Karren zu fahren. Die gute Oberkommissarin war ein wenig verdutzt, als ich auf die
Frage nach den Schäden sagte: „Ich hab hier eine Liste“. Die war aber auch notwendig, denn es handelte sich immerhin um 6 verkratzte Karrosserieteile und 6 Plastikteile im Innern, die das Ganze
nicht unbeschadet überstanden haben. Davon, dass die werten Herren den Aschenbecher im Auto ausgeleert haben, waren wir im Übrigen auch nicht sonderlich begeistert. Ich weiß gar nicht, wie das
rechtlich ist. Ich sollte wahrscheinlich eher schreiben, dass ich vermute, dass sie es getan haben, was ich hiermit auch mache, aber in keinster Weise dazu stehe. Ich weiß es nunmal, egal ob das
Gericht in ein paar Jahren anderer Ansicht sein wird.
Wir hatten auf jeden Fall das Glück, dass wir uns sowohl das Kennzeichen, den Ort und die Zeit gemerkt haben – da sollte es schwer werden zu sagen, man könne die beteiligten Beamten nicht mehr
ermitteln. Sollte dies doch geschehen, dann werde ich nicht vor der Behauptung zurückschrecken, dass das ein Sauladen war da oben im Norden.
Nun mussten wir nur noch einen Beleg über die Höhe des Schadens haben, den beschlossen wir uns bei einer Werkstatt zu holen. Aber nicht nur die Mühlen der Justitz mahlen langsam – auch alte Punks
sind keine D-Züge – und so dauerte das noch.
Der Montag (4.6.07) begann großartig mit einer Versammlung vor der Ausländerbehörde, wo ein – für deutsche Verhältnisse – recht ansehnlicher Haufen von ca. 500 Leuten gegen die herrschende
Asylpolitik demonstrierte. Zu dem stieß dann noch eine kleine spontane Demonstration von rund 2000 Teilnehmern – auf jeden Fall war es eine Menge. Eine weitere Kundgebung war in
Rostock-Lichtenhagen geplant, an jenem Platz, an dem Neonazis 1992 durch ihre tagelangen Angriffe auf ein Hochhaus voller böser Ausländer deutsche Geschichte der absurdesten Art geschrieben
haben: Sie waren nämlich mit dafür verantwortlich, dass das Asylgesetz kurz darauf verschärft wurde, weil „die Bevölkerung“ schlecht auf all die Ausländer zu sprechen war. Naja, darüber gab es
ein paar Redebeiträge und die Stimmung war so lange friedlich, bis die Cops gemeint haben, sie hätten irgendwelche gesuchten Personen ausgemacht und die mit aller Gewalt versuchten rauszuziehen.
Ich hab mir dabei auch einen Schlag eingefangen, als ich vorne dabei war, einen Menschen rauszuziehen, der unter ein paar bestiefelten Beamten versuchte, deren Tritten zu entkommen. Naja, wie
sagte Sophies Oma: „Ihr wart ja jetzt dienstlich hier!“
An dieser Stelle wurden 3, vielleicht 4 Festnahmen gemacht, es ist nichts passiert, ausser dass die Cops dazu eben in die Versammlung gerannt sind. Wahrscheinlich sind deswegen am Abend im
Fernsehen zum Bericht über die Festnahmen und kleinen Rangeleien die Bilder vom Samstag gelaufen. Hat mich tierisch angekotzt, aber es gab leider keine Bilder von Steinewerfern. Ach ja, hab ich
erwähnt, dass einige Autonome vor Ort waren?
Mittags sollte es noch eine Großdemo gegen die Flüchtlingspolitik geben, die dann stundenlang nicht laufen durfte, eben weil sich Autonome „in die Demo gemischt hatten“. Auch hier wieder: Mööp!
Die waren eben da, wie alle anderen auch. Weil sie demonstrieren wollten. Dann konnte die Demo ein paar hundert Meter laufen (es waren wohl an die 10.000 Leute), allerdings nicht wie angemeldet
durch die Innenstadt. Autonome und so, kennt man inzwischen. Das hieß: Die Demo wurde wieder ewig angehalten und das nicht nur mit kleinem Kaliber: Die Wasserwerfer wurden in Stellung gebracht,
ebenso Räumpanzer. Wozu sie die einsetzen wollten, frage ich mich bis heute.
Hinter der Absperrung wurde Passanten erklärt, dass es hier gleich zu Ausschreitungen kommen würde. Interessant! Irgendwie sah das aber in der Demo ganz anders aus. Klar, ein bisschen angespannt
war die Situation, aber den Cops gegenüber standen tanzende Afrikaner. Dass dann auch noch eine Truppe mehr oder minder unbekleideter Demonstranten durch die grünen Reihen eine Polonaise
veranstaltete führte das Bild der gewaltbereiten Demo irgendwie vollends ad absurdum. Zu guter letzt gab es keinen Krawall, die Demo zog grüppchenweise (bis zu 500 Leute) über eine Ausweichroute
Richtung Hafen und alles blieb friedlich. Und die Nachrichten mussten wie vorher erwähnt auf die Bilder von Samstag zurückgreifen.
Am nächsten Tag haben wir uns dann endlich aufgerafft und uns zu einem Renault-Händler geschleppt um uns einen Kostenvoranschlag für die Reperatur unseres angeschlagenen Reisemobils geben zu
lassen. Die Tatsache, dass die Schäden bei einer Durchsuchung entstanden sind, stieß dabei auf wohlwollendes Kopfschütteln, und wir hatten – wenngleich klar war, dass wir das Auto nie dort
reparieren lassen würden – ein echt freundliches Team um uns, die uns eine Menge Tipps zur Wiederherstellung von Jan gaben. So wurde die Karre unter anderem vom Chef persönlich beaugapfelt und
der Lackierer bestätigte uns noch bei ein paar anderen Kratzern, dass sie wohl auch frisch seien. Nach ein paar Softwareproblemen und einigem Lächeln hatten wir einen Kostenvoranschlag in der
Hand, der uns kollektiv die Gesichtszüge entgleisen ließ: 2101 Euro und ein paar verschwurbelte Cent.
Der Dienstagabend stand dann ganz im Zeichen von Georgie-Boy. Der landete nämlich schon an diesem Tag in Rostock-Laage, und dazu gab es eine Kundgebung mitten auf einem Feld am Arsch der Welt, wo
einen die Cops bis auf wenige Ausnahmen nur 4 km entfernt parken ließen. Der Bahnhof war etwa 12 km weit weg, und noch dazu regnete es in Strömen – zumindest zeitweilig. Dass der Flughafen nur
knapp in Sichtweite war, versteht sich von selbst.
Beachtenswert an dieser Kundgebung war die Absperrung, die 10 Meter neben der Straße in einem Feld endete, so dass auch der Blödeste gemerkt hat, dass eigentlich darauf gehofft wurde, dass sie
jemand passiert und man so einen Grund hat, ihn festzunehmen. Hier wurden wir erstmals Zeugen eines Provokations-Versuches, der offenbar von Cops oder Presse ausging. Ein Typ quatschte uns an, ob
wir nicht nachher auch bereit wären, noch ein wenig quer übers Feld Richtung Flughafen zu latschen, es gäbe „einige Leute hier“, die das vorhätten. Weder von diesen Leuten, noch von dem Typ war
später irgendwer zu finden. Extrem Banane, dieser Plan!
Ich erklärte mich irgendwann bereit, Shuttle zu spielen, weil es wirklich sackviele Leute gab, die versucht haben, den ganzen Weg zu laufen. Zudem sollte die Kundgebung nicht starten, bis ein Bus
mit Leuten da war. Der Bus sollte nicht mehr kommen, alle in ihm befindlichen Leute wurden in eine GeSa gebracht. Das „Legal Team“, die Anwälte unserer Seite, sollten auf der Abschlusskundgebung
über diesen Tag sagen, dass es etliche Festnahmen gab, überwiegend aus „völlig schwachsinnigen Gründen“. Klar, es sind Leute eingefahren, die ein Halstuch hatten, Handschuhe etc. Ich hatte einen
Edding, der etwas schief angeschaut wurde, mehr aber nicht. Dazu später noch etwas. Sophie musste ihre beim Sani-Zeug befindliche Verbandschere abgeben, wobei sie auf eine ordentliche
Konfiszierung wert legte, wenngleich ihr mehrmals angeboten wurde, auf ihr Eigentum zu verzichten. Das allerdings wäre gar nicht möglich gewesen, da es sich hier um ein Gemeinschaftsutensil der
WG gehandelt hat, und der anwesende Teil gar nicht beschlußfähig gewesen wäre ;)
Als ich den Ort (Weitendorf) dann als Shuttlefahrer verließ, ahnte ich noch nicht, was kommen würde. Die Cops hatten den Ort nämlich von einer Seite weiträumig (ca. 5km) abgeriegelt. Dazu gab es
keinen Grund, schließlich hielten sie nur Autos draußen. Dennoch schlugen sich viele Leute von der Sperre bis nach Weitendorf zu Fuß durch – man wusste, dass dieser G8-Gipfel mit Wanderungen
verbunden sein würde. Ein großer Erfolg war natürlich nicht zu verbuchen, trotz mehrfacher Bitten seitens der Teilnehmer stürzte der Hubschrauber mit Bush nicht ab.
An diesem Tag war ich für mich persönlich am meisten froh, das Auto dabeigehabt zu haben. Es gab etliche Leute, die mehr als zehn Kilometer gelaufen sind – und das für eine recht bescheidene
Kundgebung. Im Wald um den Flughafen Laage waren dann sogar noch Panzer der Bundeswehr versteckt, die aber eigentlich nichts zu tun gehabt haben dürften (oder so).
Am Mittwoch ging es dann endlich richtig los: Der Gipfel selbst begann, und wir sind ins Camp gefahren um zu erfragen, ob man ein Auto benötige. Dann geschah etwas, das man echt nur als Ironie
des Schicksals bezeichnen kann. Ein netter Mensch wollte uns helfen, eine Beschäftigung zu finden, rannte also erstmal los auf der Suche nach Arbeit. Wir warteten treudoof, und nach etlichen
Minuten sinnlosen Rumstehens meinte einer vor dem Action-Zelt: „Hat jemand ein Auto?“ Mein Finger war schnell genug, und so bekamen wir den Zuschlag, jemanden ins Krankenhaus zu fahren. Hatte
sich jemand einen Nagel in den Fuß gerammt und saftete gehörig. Der Witz: Es war genau der arme Kerl, der losgerannt ist, um uns eine Beschäftigung zu suchen. Nun war er halt selber die
Beschäftigung. Das haben wir dann mit Umweg über ein falsches Krankenhaus auch gemeistert, und da wurde uns schon mitgeteilt, dass es einen weiteren Auftrag gebe: Die seit der Nacht bestehenden
Blockaden um Heiligendamm mussten mit Wasser versorgt werden. Als wir im Camp ankamen, war bereits reichlich Wasser gesammelt worden, wir konnten uns mit geschätzten 200 Litern des kostbaren
Nasses auf den Weg machen. Das war leider nicht so einfach, da die Cops es recht gut geschafft hatten, abzusperren. Zumindest das Umland von Bad Doberan. So sind Sophie und ich einen ewigen Umweg
gefahren, und kamen an einem Infopoint unweit der einen Blockade an, entluden dort die Hälfte des Wassers und versuchten uns über einen Radweg an die andere Blockade ranzupirschen. Dabei überkam
uns eine Frage: „Ist das der Zaun?“ Wir fahren hier in der Demoverbotszone lang, haben inzwischen genügend Clowns (3 Stück) an Bord gehabt um als Versammlung zu gelten und sind am Zaun? Einfach
so? Ohne eine Kontrolle? Es war so. Die andere Blockade haben wir nicht erreicht, aber wir sind ohne Belästigung 150 Meter vor den Zaun gefahren und haben dort geparkt. Eine Wanne ist
vorbeigefahren, hat sich aber sichtlich wenig an unserer Anwesenheit gestört. Letzten Endes haben wir das Restwasser auch wieder an die westliche Blockade gebracht – auf jeden Fall besser, als es
wieder mitzunehmen!
Nun passierte etwas erstaunliches: Die Blockaden hielten die Nacht über. Der Polizei ist die am Mittwoch noch eilig vom BVG bestätigte Demo-Verbotszone einfach so unter dem Arsch weggebröckelt.
Am Donnerstag war es dann wohl mehr oder minder offiziell: Es gibt diese Zone nicht mehr. Die letzten Tage haben wir mehrmals darüber gesprochen, wieso und weshalb. Vielleicht war es auch Taktik.
So lange sich die Leute zufrieden geben damit, in die Zone zu kommen, ist der Zaun als Hürde nur zweitrangig. Ich geb's ja zu: Auch bei mir hat das funktioniert. Ich bin nichtmal davon
ausgegangen, dass ich den Zaun überhaupt sehe. Dann haben wir am Donnerstag (7.6.07) aber etliche Zeit recht knapp davor verbracht - bei der Blockade am Westtor. Ich will wahrscheinlich gar nicht
wissen, was es bei dieser Blockade alleine schon alles geiles zu erzählen gibt, als wir ankamen war sie nämlich kurz davor, geräumt zu werden. Es war noch schön mitanzusehen, dass sie die Leute
wirklich einfliegen mussten, aber die Vertreibung von uns dort oben hätte echt netter sein können. Zugegeben: Es war auch eine äußerst bescheuerte Situation da oben: Die blockierenden Leute haben
eigentlich nur eine Wiese besetzt zu diesem Zeitpunkt, die Straße selbst war wegen der Polizei nicht passierbar. Nach der 150.000sten Durchsage haben sie dann auch tatsächlich Wasserwerfer
eingesetzt. Hab mich auch ein wenig doof treffen lassen, kann aber nicht über ernstliche Verletzungen klagen. Hab's mir schlimmer vorgestellt...
Der Tag ging aber genauso spektakulär weiter. Es wurde dann die Zufahrtsstraße zu dieser Blockade - die ja jetzt nicht mehr existierte - zugemacht (zumindest für Cops), es wurden wohl noch zwei
Wannen auseinander genommen, und zu guter Letzt hat es wohl auch noch eine Deligiertenkarre (Haben die sich verfahren?) nicht heil bis nach Heiligendamm geschafft.
Am Freitag wurde dann von beiden Seiten aus erklärt, es habe sich um einen Erfolg gehandelt. Beim G8, weil endlich mal beschlossen wurde, dass man sich ja vielleicht irgendwann theoretisch fast
sicher ernsthaft bemühen könnte so auszusehen als ob man was gegen den Klimawandel machen wolle - und die Proteste, weil wir es geschafft haben, dass Heiligendamm nur noch aus der Luft zu
erreichen war (der Seeweg wurde ja zeitweilig von Greenpeace belagert). Es gab noch eine Demo, eine Abschlusskundgebung und eine daraus resultierende Spontandemo. Es wurde zu meiner Überraschung
nicht die Spaltung der vergangenen Woche propagiert, sondern eine einheitliche Bewegung mit verschiedenen Gesichtern. War irgendwie gut. Dann haben einige Leute gesprochen und es war eine witzige
Geschichte, insbesondere als das Legal Team die Zahl der Festnahmen und deren Gründe verkündet hat. Ein paar Leute wurden dafür gestraft, dass sie ihren Bus mit Salatöl betankt haben, weil das
natürlich Brandsätze waren. Ebenso war ein Edding, der bei jemandem gefunden wurde ein gefährlicher "Brandbeschleuniger". Dann gab es natürlich etliche Leute, die einfach zur falschen Zeit eine
Sonnenbrille aufhatten (z.B. am Donnerstag, als es 30°C hatte), usw. usf.
Unser Ausflug zum G8 endete eigentlich Freitag Abend mit einer kleinen Autotour, bei der wir noch Leute aus dem Knast geholt haben. Da waren unsere Freunde und Bekannten alle schon auf dem Weg
nach Stuttgart zurück. Am Tag darauf sind Sophie und ich nach Ahrenshoop gefahren, haben wie zu Beginn dieses Textes erwähnt (Ui, das ist aber schon lange her...) in der Ostsee gebadet,
wenngleich das ein kaltes und deswegen kurzes Vergnügen war.
Dann folgte am Montag die Fahrt nach Cuxhaven, um meiner Mutter das Auto zurückzubringen (*hüstel* Es steht hier vor der Tür) und noch einen Tag an der Nordsee zu relaxen. Auf dem Weg dorthin ist
Sophie dann das erste Mal Auto gefahren - und das nicht mal so schlecht! Wir waren dazu in Hamburg auf einem Verkehrsübungsplatz, der im Übrigen echt gut ist, und sind da zweieinhalb Stunden im
Kreis gegurkt. Danach haben wir uns noch mit einer Freundin von Sophie getroffen, lange gelabert und zu guter Letzt sind wir dank eines wahnsinnig netten Parkhauswächters auch noch heil wieder
aus Hamburg rausgekommen.
Der Montag verlief ruhig, und auf der Rückfahrt haben wir es geschafft, von einer voll gesperrten Autobahn auf eine voll gesperrte Ausweichroute zu fahren. Macht man nicht alle Tage, aber wir
sind dann doch gut angekommen, wenngleich es ein wenig länger gedauert hat. Was soll's? Es war eine bunte und lebendige Woche, und natürlich ist noch so viel mehr passiert - aber wie ihr seht,
ist das schon ein wahnsinnig langer Text geworden.



Letzte Kommentare